EuGRZ 2016
29. Februar 2016
43. Jg. Heft 1-4
Informatorische Zusammenfassungen
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Otfried Höffe, Tübingen, richtet unter der Überschrift „Konfuzius, der Koran und die Gerechtigkeit“ den interkulturellen Blick auf die Universalität des Menschenwürde-Prinzips
Der Autor widerspricht der Behauptung, die Universalität der Menschenwürde sei westlicher Kulturimperialismus und belegt seine Perspektive politischer Philosophie mit zahlreichen Quellen-Nachweisen. Für den moralischen Grundsatz der Wechselseitigkeit, der Goldenen Regel, führt Höffe an:
«Im indischen Nationalepos Mahâbharata vom sechsten vorchristlichen Jahrhundert lesen wir: „Was ein Mensch sich nicht von anderen angetan wünscht, das füge er auch nicht anderen zu“. Etwa zur selben Zeit lehrt im Lun-yu – Gespräche des Konfuzius, Konfuzius: „Was man mir nicht antun soll, will ich auch nicht anderen Menschen zufügen.“ Zwei Jahrhunderte später heißt es in einem ägyptischen Weisheitsbuch „tue niemandem etwas Böses an, um nicht heraufzubeschwören, dass ein anderer es dir antue“.»
Zum Stichwort „Wohlwollen“ folgen Zitate aus altägyptischen Weisheitsbüchern, einem altbabylonischen Text, dem indischen Epos Mahâbharata, einem Klassiker der chinesischen Philosophie, Mozi, sowie aus der zweiten Sure des Koran.
«Die personale Gerechtigkeit ergänzt sich, erneut in (fast) allen Kulturen, die wir kennen, um eine erste politische Gerechtigkeit, die Justizgerechtigkeit. [Sie] soll leisten, was der altbabylonische „König der Gerechtigkeit“, Hammurabi, den Schwachen, Witwen und Waisen verspricht: Die Richterschaft verstehe sich als das beseelte Recht und verhelfe unterschiedslos jedem zu seinen berechtigten Ansprüchen. (…) Aus diesem Grund sind große Richtergestalten ein Muster für persönliche Rechtschaffenheit und für eine korruptionsfreie, funktionierende Justiz zugleich. Ein vorbildliches Beispiel einer souveränen, jeder Korruptionsversuchung enthobenen Unparteilichkeit bietet der chinesische Richter Di (7. Jh. n. Chr.) (…)
Der interkulturelle Konsens setzt sich fort in dem bis heute unstrittigen Kern der Gerechtigkeit. Von der Antike über die Justitia-Darstellungen der bildenden Kunst bis zum bedeutendsten Gerechtigkeitstheoretiker des letzten Jahrhunderts, John Rawls mit dem Gedanken eines Schleiers des Nichtwissens („veil of ignorance“), besteht der Kern in Gleichheit bzw. Unparteilichkeit.»
Im Blick auf eine globale Perspektive, eine Weltrechtsordnung, argumentiert Höffe: «Tatsächlich findet sich die Grundlage, die unantastbare Würde des Menschen, auch außerhalb des Abendlands. (…) Laut dem zweitwichtigsten Klassiker des Konfuzianismus, dem schon erwähnten Meng Zi (Menzius), besitzt „jeder einzelne Mensch“ eine ihm angeborene „Würde in sich selbst“. Aufgrund dieses Ranges, jedem angeboren zu sein, ist die Menschenwürde eine universale Mitgift. Sie gründet in der dem Menschen vom „Himmel“ verliehenen moralischen Natur, kann daher durch die jeweiligen Machthaber weder gewährt noch genommen werden. Legitime, in ihrer Grundlage gerechte Herrschaft ist vielmehr an die Achtung dieser Würde gebunden. Meng Zi bekräftigt also nicht bloß eine normativ anspruchsvolle Grundlage der Menschenrechte, die Menschenwürde. Er unterscheidet auch das originäre Gewähren seitens einer überpositiven Instanz, hier „Himmel“ genannt, von einem bloß subsidiärem Gewährleisten, das der menschlichen Herrschaft obliegt.
Ebensowenig lässt sich der Gedanke der Menschenrechte von der afrikanischen Kultur her relativieren. (…)
Derartige Beispiele erlauben, zwei beliebte, aber unberechtigte Annahmen zurückzuweisen. Weder ist der Westen der einzige Treuhänder der Menschenrechte, noch können sich andere Kulturen unter Berufung auf ihre nichtwestlichen Werte vom Anspruch der Menschenrechte freisprechen.»
Abschließend heißt es in dem Beitrag: «Dass die hier behandelten Grundsätze in der Realität immer wieder missachtet werden, ist kein Grund, an ihrer normativen Richtigkeit zu zweifeln. Sie sind ein Maßstab an dem sich Gesellschaft und Politik zu orientieren haben.» (Seite 1)